Mittelmeerkarte mit Start und Endpunkt

Wie kommt unser Schiff in die Adria?

Nach dem Kauf hatten wir den Liegeplatz an der spanischen Ostküste erstmal behalten. Heuer im März lief der Vertrag aus, und ab Mai hatten wir einen neuen Liegeplatz nördlich von Lignano in der oberen Adria.

Für die Überführung gibt es mehrere Möglichkeiten, die wir uns in diesem Artikel näher anschauen. Die kürzeste Route auf eigenem Kiel führt mit rund 1.400 Seemeilen quer durch das westliche Mittelmeer, durch die Straße von Messina und um den italienischen Stiefel herum bis ans nördliche Ende der Adria.

Vorüberlegungen

Können wir diese Strecke selber segeln? Vielleicht. Es gibt aber ein paar limitierende Faktoren:

Crewstärke
Wir sind nur zu zweit, was bei Nachtfahrten nicht die Idealbesetzung ist. Anfang April sind die Nächte noch fast zwölf Stunden lang, und ausgerechnet in dieser Zeit liegen die drei bis fünf Nachtfahrten der Route.
Erfahrung der Crew
Wir sind bisher nur kurze Strecken an der Küste, bei Tageslicht, schönem Wetter und bei wenig Wind und Welle gesegelt. Auf der Überführung erwarten uns Tagesetappen von über 60 Seemeilen, mindestens drei Nachtfahrten mit rund 130 Seemeilen und Windgeschwindigkeiten mit über 20 Knoten.
Wetter
Im April kann das Wetter im Mittelmeer noch recht winterlich sein, mit langen Starkwindperioden. Der Mistral weht noch häufiger und länger als im Sommer und sorgt für hohe Windgeschwindigkeiten, eine unangenehme Welle und dementsprechend viele Hafentage.
Termin
Jeder zusätzliche Monat in Spanien würde uns mindestens 700 Euro kosten, und auch unterwegs werden die Marinas im Sommer nicht billiger. Also wollen wir auf jeden Fall im April los.
Zeitfenster
Da ich noch arbeite, muss ich für die Überführung Urlaub nehmen. Auch mit einer Menge angespartem Urlaub sind mehr als sieben Wochen nicht drin.

Aufgrund dieser Rahmenbedingungen haben wir uns auch mit Alternativen zum selber segeln beschäftigt.

Überführung durch eine Proficrew

Professionelle Überführungsfirmen wie Halcyon Yachts oder Yachtskipper bieten Yachtüberführungen auf dem Seeweg an. Es werden Berufsskipper eingesetzt, wahlweise mit Profi- oder Hand-gegen-Koje-Crew. Wenn ein Crewmitglied ausfällt, wird ohne Aufpreis für Ersatz gesorgt.

Vorteile

Kein Zeitdruck, keine Sorgen. Statt die Proficrew bis Aprilia Marittima segeln zu lassen, könnten wir das Schiff z. B. in Kroatien übernehmen, wenn der schwierigste Teil der Strecke überstanden ist, und dort einen gemütlichen Segelurlaub verbringen.

Nachteile

Der Nachteil an einer gebuchten Überführung sind in erster Linie die Kosten. Wenn man die Tagessätze mit anderen selbständigen Berufen vergleicht, verdient ein Profiskipper bei einer Überführung zwar nicht viel, aber bei einer Strecke von 1.400 Seemeilen kommt trotzdem einiges zusammen:

Kosten für Proficrew

Ein weiterer Nachteil ist, dass man bei einer Überführungscrew nie weiß, was man bekommt. Die Firma ist zwar versichert, aber wenn etwas schief geht, hat man hinterher viel Ärger (siehe Insieme).

Törnbegleitung

Anstatt eine Überführungscrew alleine loszuschicken, könnten wir auch eine Törnbegleitung durch einen Profiskipper buchen. In unserem Fall würde eine zusätzliche Person ausreichen, man kann aber auch noch weitere Crewmitglieder buchen.

Vorteile

Eine Törnbegleitung durch einen Profiskipper wäre aus mehreren Gründen praktisch: Erstens ist der Skipper fast wie ein privater Segellehrer, zweitens wären die Nachtfahrten weniger anstrengend, und dadurch könnten wir auch mehrere Nächte am Stück fahren – vorausgesetzt das Wetter passt.

Nachteile

Der größte Nachteil sind auch hier die Kosten, aber es kann auch anstrengend sein, mehrere Wochen mit einer fremden Person auf engstem Raum zusammen zu sein.

Kosten für Törnbegleitung

Überführung mit LKW

Eine weitere Möglichkeit wäre, das Schiff nur bis an die italienische Westküste zu segeln, und dann per LKW quer über den italienischen Stiefel zu transportieren – z. B. von La Spezia nach Comacchio.

Der Transport selbst würde für unsere Yacht 5.600 Euro kosten. Dazu kommen Kosten für die Versicherung, fürs Kranen, Mast legen und stellen, Hafengebühren, ggf. Gebühren für Straßensperrungen oder Polizeieskorte sowie unsere Reisekosten zwischen den beiden Marinas. Dazu kommen die Kosten für die Segelstrecke zwischen Sant Carles und La Spezia. Grob geschätzt, sind wir dann vermutlich bei 10.000 Euro für diese Alternative.

Vorteile

Schnell. Unabhängig vom Wetter (außer Extremwetter).

Nachteile

Teuer. Undurchsichtige Transportnebenkosten. Gefahr dass beim Kranen, Mastlegen oder Transport etwas kaputt geht. Außerdem müssten wir das Schiff am Zielhafen erstmal neu riggen lassen: Unser Rigg ist zwar noch in Ordnung, aber schon so alt, dass es sich nicht mehr lohnen würde, das alte Rigg nach dem LKW-Transport wieder anzubringen.

Und wenn wir doch die ganze Strecke selber segeln?

Alles in allem war uns keine dieser Alternativen wirklich sympathisch. Am liebsten wollen wir alleine segeln. Auf YouTube gibt es mehrere Zweier-Crews, die diese Strecke schon gesegelt sind – zum Teil mit nur unwesentlich mehr Segelerfahrung.

Vorteile

Selber segeln ist natürlich die billigste Variante, aber es hat auch noch einen weiteren Vorteil: Wenn man selbst für die Entscheidungen verantwortlich ist, und sich hin und wieder über den Rand seiner Komfortzone hinaus bewegt, lernt man viel und gewinnt an Selbstvertrauen. Mit jeder gemeisterten Herausforderung wächst man wieder ein bisschen.

Kosten ohne Begleitung

Nachteile

Der größte Nachteil beim selber segeln ist der, dass bei Nachtfahrten zu zweit immer einer alleine im Cockpit ist, wenn der andere schläft. Und im Gegensatz zur Variante mit Begleitung, muss man mit kniffeligen Situationen selber klar kommen.

Als Zweier-Crew würden wir kürzere Etappen segeln und kämen dadurch langsamer voran. Statt zwei Wochen (Proficrew) würden wir mindestens vier Wochen für die gesamte Strecke brauchen – vorausgesetzt, wir haben perfektes Segelwetter und keine technischen Zwischenfälle. Sieben Wochen sollten aber ausreichend Zeit sein, um ohne Stress unterwegs zu sein (gerade so, wie sich später herausstellen sollte).

Fremdeinschätzung

Um nicht Gefahr zu laufen, uns komplett zu überschätzen, haben wir unseren Segellehrer und einige andere Segelprofis gefragt, ob wir uns das zutrauen können, oder ob wir komplett übergeschnappt sind. Die Antworten waren durchweg positiv, vorausgesetzt wir bereiten uns gut vor und halten uns an einige Regeln:

  • Richtige Törnplanung: Strecke, Ausweichhäfen, Wetter, Karten
  • Lange Schläge nur bei ausreichend langen Wetterfenstern
  • Schlafdisziplin bei Nachtfahrten
  • Soweit wie möglich im eigenen Komfortbereich bleiben

Nachtfahrten

Nachtfahrten können viel Zeit sparen. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5,5 Knoten könnten wir in zwei Tagen fast 190 Seemeilen schaffen, wenn wir die Nacht durchsegeln. In Tagesetappen bräuchten wir für die gleiche Strecke mindestens drei Tage à 12 Segelstunden.

Eine Dreier-Crew kann die Wachen so einteilen, dass jeder acht Stunden durchschlafen kann, und im Notfall trotzdem zwei Crewmitglieder wach sind, die sich gegenseitig unterstützen können.

Beispiel Wachsystem 3er-Crew

Ein Crewmitglied, das auf Standby ist, kann in der Regel schlafen. Es muss nur aufstehen, wenn das wachhabende Crewmitglied Hilfe braucht.

Zu zweit ist einer immer alleine, wenn der andere schläft, also muss man die Wachen entsprechend verlängern. Die Empfehlungen gehen dahin, mit Freiwachen (Schlafpausen) von sechs Stunden zu rechnen, da die meisten Menschen sich bei kürzeren Schlafpausen nicht richtig erholen.

Beispiel Wachsystem 2er-Crew

Routenoptionen

Die kürzeste Strecke führt über Menorca und die Südwestspitze von Sardinen nach Sizilien. Dann geht es weiter durch die Straße von Messina und um den Stiefel herum in die Adria.

Vom Ebro Delta bis zur Straße von Messina hätten wir zwei Möglichkeiten:
Entweder wir folgen der Festlandküste im Uhrzeigersinn um das westliche Mittelmeer herum, oder wir nehmen den direkten Weg über die Balearen, Sardinien und Sizilien.

Entlang der Festlandküste

Die Strecke entlang der Küste hätte für uns den Vorteil, dass es lauter Tagesetappen in Küstengewässern sind. Das kennen wir und hätten keine Bedenken. Zwar gibt es auch hier bei Mistral einige schwierige Stellen, wie das Cap de Creus und den Golfe du Lion, aber auch genügend Häfen, in denen man vor dem Mistral Schutz findet.

Vorteile

Entlang der Küste ließe sich die Strecke komplett in Tagesetappen bewältigen – Nachtfahrten wären nicht nötig, solange man nicht zeitlich unter Druck steht. Laut Michael Sachweh, dem Autor der Mittelmeerwetter-Bücher, ist die Strecke direkt unter der Küste die klassische Mistral-Ausweichroute. Die Welle ist direkt unter der Küste noch nicht so ausgeprägt und auch der Wind bläst nicht so stark wie auf dem offenen Meer. Wenn man nur nachmittags segelt, wenn der Mistral meist etwas nachlässt, kann man sich Stück für Stück bis zur französischen Riviera durchkämpfen. Dort ist man dann vom Gebirge vor dem starken Wind geschützt.

Nachteile

An der Küste wären wir in unserer Komfortzone, wobei es auch hier bei starkem Nordwestwind einige kritische Stellen gibt: an der nördlichen Costa Brava und am Cabo Creus können Fallböen mit bis zu 8 Beaufort auftreten. Dem Mistral folgt oft ein Genuatief. Direkt unter der ligurischen Küste ist man zwar auch dann angeblich noch vor Starkwind sicher, aber spätestens beim Queren des Golfs von Genua muss man wieder mit Starkwind rechnen.

Es gibt nur wenige gute Ankerplätze an der Festlandküste – wir müssten jede Nacht in einer Marina verbringen, was die Reise teurer macht.

Die Strecke selbst ist etwa 300sm länger als die direkte Route, aber wenn wir in Tagesetappen von 40 bis 60 Seemeilen segeln, kommen wir nur langsam voran. Selbst bei besten Verhältnissen wären wir mindestens eine Woche länger unterwegs.

Die Direttissima: Menorca – Sardinien – Sizilien

Die direkte Route führt auf einem Kurs von etwa 100° durch das westliche Mittelmeer bis zur Straße von Messina. Unterwegs bieten sich Zwischenstopps auf Menorca und der Isola San Pietro vor der Südwestspitze Sardiniens an.

Auf dieser Strecke gibt es mindestens zwei Nachtpassagen: Die erste zwischen Menorca und Sardinien, die zweite zwischen Sardinien und Sizilien.

Die direkte Überfahrt vom Ebro Delta nach Menorca wäre auch eine Nachtfahrt. Je nach Windrichtung könnten wir aber auch in Tagesetappen über die Columbretes, Ibiza und Mallorca nach Menorca segeln. Einerseits wäre das ganz schön zum einsegeln, andererseits wäre es schade, am Anfang der Überführung gleich soviel Zeit zu vertrödeln, wenn die Windverhältnisse auch eine direkte Überfahrt nach Menorca zulassen würden.

Vorteile

Auf der Direttissima kommt man schnell voran. Mit Zwischenstopps auf Menorca und Sardinien könnten wir bei günstigen Bedingungen nach 10 Tagen auf Sizilien sein und am 11. oder 12. Tag durch die Straße von Messina fahren.

Auf offener See ist auch weniger Verkehr und wir müssten nicht jeden Tag einen Hafen anfahren.

Nachteile

Auf der Direttissima sind mindestens zwei Nachtfahrten unausweichlich, und wenn das Wetter nicht mitspielt, können daraus schnell fünf Nachtfahrten werden. Da wir bisher nur an der Küste gesegelt sind, können wir nicht einschätzen, was uns auf offener See und bei einer Nachtfahrt erwartet. Davor habe vor allem ich großen Respekt.

Westlich von Sardinien könnten uns zwei Windsysteme einen Strich durch die Rechnung machen: der Mistral, der im April oft noch sehr stark und lange weht (3 bis 6 Tage), und der Scirocco, der ebenfalls im April noch häufig vorkommt.

Als ich diese Zeilen schreibe, herrscht zwischen Sardinien und dem spanischen Festland schon seit 10 Tagen Starkwind aus nordöstlichen bis südöstlichen Richtungen. Hätten wir am 8. März abgelegt, würden wir seit dem 10. März auf Mallorca festsitzen und auf ein Wetterfenster für die Überfahrt nach Sardinien warten. Auch für die kommende Woche sieht es noch nicht besser aus.

Wenn man sich die Statistiken anschaut, ist es selbst im März ungewöhnlich, dass drei Wochen lang stürmischer Wind aus derselben Richtung weht. Aber das Wetter verändert sich durch den Klimawandel, und auch der April kann noch stürmisch sein.

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